Lisa Sonnenschein
In "Der Hüter, Stadt der Tiefe" begleiten wir den Protagonisten Alexander durch die Gassen von Biota - eine Stadt unter einer Kuppel auf dem Meeresgrund. Eigentlich sollte Biota ein Neuanfang für die Menschheit sein, aber irgendwie kam dann doch alles ganz anders...
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Biota ist eine Stadt voller Wunder - in einem riesigen Turm werden genetische Entwicklungen erforscht, die den Bewohnern selbst auf dem Meeresgrund unter einer Kuppel noch ermöglicht, Nutztiere zu halten und Nahrung anzubauen. Dampfbetriebene Golems unterstützen die Menschen bei jeglichen Arbeiten. Die Menschen sind gleich. Aber manche sind eben gleicher als die anderen...

Die Handlung des Buches setzt (nach der Vorgeschichte Biotas) an einer Stelle ein, in der Alexander als oberster Hüter an den Schauplatz eines Mordes gerufen wird. Das ist gleich aus mehreren Gründen eine schockierende Erfahrung, als man jetzt denken würde:
- Biota wurde errichtet, um den Flüchtlingen eines großen Krieges an der Erdoberfläche Zuflucht zu gewähren. Beim Eintritt unter die Kuppel haben die Erbauer der Stadt Mittel und Wege gefunden, den Fliehenden das Gedächtnis zu löschen. Der Neuanfang in Biota ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein Neuanfang - Tod und Gewalt sind vergessen und die Menschen können sich darauf konzentrieren, ein friedvolles und erfüllendes Leben zu führen. 
Rein theoretisch KANN also von ihnen gar kein Mord begangen werden.

- Die Einwohner Biotas sind regimetreu. Jeder weiß genau, wo sein/ihr Platz ist, die Hierarchie wird von allen beibehalten, ein jeder wird für seine Berufswahl und seinen Stand respektiert - schließlich hat er ihn selbst gewählt und kann dafür nicht verurteilt werden. Eine Sonderstellung nehmen die Forscher und die höhergestellten Politiker ein, sie sind mit größtem Respekt zu behandeln und erhalten eine Sonderstellung in allen Belangen.

Aber warum nun der Mord?
Hier kommen die dystopischen Aspekte des Buches zum Tragen. Obwohl die Menschen neu anfangen mussten, obwohl sie nie mit Gewalt konfrontiert waren, obwohl sie unheimlich klare Strukturen in ihrem Leben haben, scheint nicht alles perfekt zu sein. Alexander lernt im Zuge seiner ersten Ermittlung überhaupt, dass die Menschheit nie frei sein wird von Korruption und Machtgier.
Mancher scheint vergessen zu haben, wie die Welt an der Oberfläche zugrunde ging, scheint sich wohler zu fühlen mit der Macht über andere. Aus einem regimetreuen, sogar naiven, Alexander wird ein tapferer Kämpfer für das Gute in den Menschen und in Biota. Seine Prinzipien machen ihn zu einem ganz besonderen Protagonisten und es hat mich unheimlich begeistert, wie er anfängt, Biota als den perfekten Lebensraum infrage zu stellen. 

Was meint ihr - ist ein Neuanfang unter der Kuppel eine gute Idee? Kann das funktionieren? Oder seht ihr Intrigen und Machtspiele lauern, wie es im Fall von Biota passiert ist...?

Es ist verdammt schwer, einen Menschen zu nehmen, wie er ist, wenn 
er sich anders gibt, als er ist.
~ Ernst Festl