Lisa Sonnenschein
Ich mag ja die Skandinavier und ihre Schreibe - sehr gerne lasse ich mich von der schlichten und atmosphärischen Art mitreißen und versinke in den gerne mal düsteren Geschichten. 
Umso spannender war also dieses Buch für mich, denn es erhielt den Titel als bester Kriminalroman Schwedens (2016). Auf ins Buch!
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Maja steht vor Gericht. Sie wird beschuldigt, einen Amoklauf an ihrem Gymnasium verübt zu haben und unter anderem ihren Freund und ihre beste Freundin erschossen zu haben. Maja ist gerade 18 geworden - ist sie wirklich eine Mörderin?

Das Buch arbeitet mit Zeitsprüngen - während wir uns immer wieder mit Maja in der Gegenwart befinden und sie bei ihrem Gerichtsprozess und im Gefängnis begleiten, gibt es zwischendurch auch Rückblenden zu Momentaufnahmen mit ihren Freunden, in denen wir mehr über unsere Protagonistin erfahren. Das sorgt für diesen klassischen "Die Hintergründe werden immer klarer"-Krimieffekt, den ich hier sehr gelungen finde.

Die Charaktere werden nur nach und nach beleuchtet - wirklich klar wird dabei jedoch nur Maja, die Randfiguren (ihr Freund, ihre beste Freundin, Klassenkameraden...) bleiben eher blass. Sie sind aber ja auch für den Verlauf der Gerichtsverhandlung und die Aufklärung des Falls eher zweitrangig.

Maja hat mich genervt. Ich habe ewig gebraucht, um in das Buch reinzukommen, weil ich sie vulgär und gleichgültig fand und zudem teilweise politische Sichtweisen in dem Buch durchblitzen, die ich absolut nicht teilen kann. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe: Die Autorin spielt mit mir! Sie provoziert den Aufreger über die konservativen Dorf-Schweden, deren Ansichten mich aufregen. Sie will, dass ich von den reichen Snobs angewidert bin, will, dass ich erkenne, wie natürlich und gleichzeitig sinnlos Majas Rebellion ausfällt. Ein grandioser Effekt, der mich wirklich tief beeindruckt hat!

Dazu kamen noch einige Stilmittel ganz am Ende des Buches, die ich jetzt hier nicht verraten kann. Nur eins am Rande: Diese Autorin hat mich ertappt - und sie wechselt irgendwann von einer bloßen Erzählung zu einer Ansprache an den Leser, die der gar nicht hat kommen sehen. Immer wieder stellt man dabei auch das eigene Weltbild infrage - es gibt bei diesem Buch kein richtig und kein falsch, es regt zum Selbstdenken an.

Mein Fazit: Ein fantastisch geschriebenes Buch, das mich erst irritiert und dann begeistert hat. Diese Autorin beweist ein außergewöhnliches Gespür für Erzählstil und verdient mit Sicherheit ihren Krimipreis. Cool!
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Malin Persson Giolito: Im Traum kannst du nicht lügen. Erschienen am 26. Oktober 2017 bei Bastei Lübbe. Kostenpunkt: 16,00€ broschiert.
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